Die industrielle Baumwolle machte Mode erschwinglich, aber auf Kosten entgrenzter Arbeit. Von Feldern über Entkörnungsmaschinen zu Spinnereien klang ein Takt aus Lohn, Zeit und Staub. Muster wanderten mit Walzendruck, Schnitte passten sich Massen an. Obrigkeiten reagierten ambivalent: Einerseits fürchtete man Gleichmacherei, andererseits feierte man nationalen Fleiß. Kleidungsregeln verlagerten sich von Materialverboten zu Qualitätsnormen. Ein Hemd erzählte nun von Arbeitskämpfen, Unterricht, Eisenbahnen. Der Körper trug Weltwirtschaft näher an die Haut als jede höfische Stoffordnung zuvor.
Mit der Anilinchemie veränderten sich Farben grundlegend. Plötzlich leuchteten Töne, die Natur nicht kannte, billig und dauerhaft. Was zuvor Rang signalisierte, wurde Massenware; neue Codes entstanden, begleitet von Gesundheitsängsten und Patentschlachten. Regulierungen diskutierten verbotene Substanzen, Etikettenpflicht, Kennfarben für Berufe. Die Garderobe wurde Versuchsfeld wissenschaftlicher Versprechen und Enttäuschungen. An jedem Kleid hafteten Berichte über Fabrikflüsse, Mittelstädte, Ausstellungen. In dieser neuen Sphäre mussten Blicke erst lernen, zwischen technischem Wow und sozialer Verantwortung zu unterscheiden.
Ostindienkompanien sicherten Monopole, prägten Geschmack und ließen Güterströme als Politik erscheinen. Zölle ordneten Begehren, Embargos stilisierten Tugend, Schmuggler füllten Lücken. Städte lebten von Freihäfen, Zollmauern, Passierscheinen; Kleidungsstücke wurden diplomatische Argumente, wenn Gesandte in verbotenen Stoffen auftraten. So verschränkten sich äußere Politik und innere Ordnung dauerhaft. Ein Ballen Tuch konnte Revolten nähren, ein verbotener Schal Debatten auslösen. Handelsregister, Brandmarken, Kartenskizzen und Prozessakten bilden heute die Fäden, an denen wir solche Verstrickungen noch verfolgen.